Verzerrung (bias)

Fundamentaler Attributionsfehler

fundamental attribution error

Menschen neigen dazu, hinter dem Tun anderer vor allem deren Charakter zu sehen. Die Umstände, unter denen jemand handelt, verlieren dabei an Gewicht.

Steckbrief

  • Englischer Begriff fundamental attribution error
  • Art Urteilsfehler
  • Häufigkeit im Alltag häufig

Fünf Beispiele auf dieser Seite

Definition

Was ist der fundamentale Attributionsfehler?

Der fundamentale Attributionsfehler (fundamental attribution error) beschreibt die Neigung, das Verhalten anderer ihren Eigenschaften zuzuschreiben und den Einfluss der Lage zu unterschätzen. Eng verwandt ist die Korrespondenzverzerrung (correspondence bias). Sie bezeichnet die Neigung, auf eine passende, überdauernde Eigenschaft zu schließen, obwohl die Lage das Verhalten ganz erklären kann.

Die Verzerrung kann auch Auswahlentscheidungen prägen: In drei Experimenten hatten Bewerber Vorrang, die hohe Noten nur einer milden Benotung verdankten. Nach Deutung der Autoren galten die guten Noten als Zeichen hoher Fähigkeit. Sie diskutieren Folgen für Hochschulzulassung und Personalauswahl.

Verhalten entsteht in einer Lage. Sie gehört ins Urteil.

Typische Gedanken

  • „Das zeigt, wie er wirklich ist.“
  • „Das liegt an ihrem Charakter.“
  • „Wer so redet, meint das auch.“

Diese Gedanken suchen die Ursache in der Person, nicht in ihrer Lage.

Beispiele

Fünf Beispiele für den fundamentalen Attributionsfehler

Je ein Beispiel aus Arbeit, Familie, Gesundheit, Finanzen und Gesellschaft. Jedes Beispiel zeigt erst die Situation, dann die Verzerrung und zum Schluss das Lösungsverhalten.

Arbeit

Die stille neue Kollegin

Situation

Eine neue Kollegin sagt in ihrer ersten Teamrunde kaum etwas. Die Unterlagen zum Projekt hat sie erst eine Stunde vorher bekommen.

Verzerrung

Der Teamleiter hält sie für desinteressiert und vergibt die Präsentation an jemand anderen.

Lösungsverhalten

Er überlegt, welches Ziel ihr Schweigen nach einer Stunde Vorbereitung haben könnte, und spricht nach der Runde mit ihr.

Typischer Gedanke: „Die hat kein Interesse am Projekt.“

Familie

Der stille Besuch bei der Großtante

Situation

Eine Achtjährige grüßt beim Besuch ihre Großtante kaum und sitzt still am Kaffeetisch. Das Mädchen hat seit dem Morgen Fieber.

Verzerrung

Die Großtante hält das Kind für unhöflich und sagt das beim Abschied zur Mutter.

Lösungsverhalten

Sie fragt die Mutter in der Küche, wie es dem Kind heute geht, und spricht erst danach über den Besuch.

Typischer Gedanke: „Das Kind hat keine Manieren.“

Gesundheit

Die Wiederholung in der Sprechstunde

Situation

Ein Patient stellt in der Sprechstunde dreimal dieselbe Frage. Er hört seit Jahren schlecht, sein Hörgerät ist gerade in Reparatur.

Verzerrung

Die Ärztin hält ihn für begriffsstutzig und erklärt die Therapie nur noch seiner Tochter.

Lösungsverhalten

Sie fragt ihn, ob er sie gut versteht, und entscheidet danach, wem sie die Therapie erklärt.

Typischer Gedanke: „Der begreift das nicht.“

Finanzen

Die Rendite im Aufschwung

Situation

Ein Anleger sieht, dass sein Aktienfonds im letzten Jahr zwanzig Prozent zulegte. Der gesamte Aktienmarkt stieg im selben Jahr um zweiundzwanzig Prozent.

Verzerrung

Er hält die Fondsmanagerin für außergewöhnlich begabt und legt sein ganzes Erspartes bei ihr an, ohne den Markt zu beachten.

Lösungsverhalten

Er vergleicht die Rendite des Fonds mit dem Marktindex desselben Jahres und entscheidet danach über die Anlage.

Typischer Gedanke: „Die Frau hat ein Händchen für Aktien.“

Gesellschaft

Der Bus ohne Halt

Situation

Ein voller Linienbus fährt an einer Haltestelle vorbei, an der Menschen warten. Die Leitstelle hat den Fahrer wegen Überfüllung angewiesen, nicht zu halten.

Verzerrung

Eine Wartende hält den Fahrer für stur und schreibt dem Verkehrsbetrieb noch an der Haltestelle eine Beschwerde.

Lösungsverhalten

Sie überlegt, welches Ziel ein Fahrer mit einem vollen Bus verfolgen könnte, und entscheidet dann über die Beschwerde.

Typischer Gedanke: „Der fährt stur seinen Plan.“

Hintergründe

Erklärung und Hintergründe des fundamentalen Attributionsfehlers

Wenn Menschen andere beobachten und beurteilen, können die Umstände zu wenig Gewicht bekommen. Drei Mechanismen tragen dazu bei.

Unbemerkte Zwänge

Beobachter können übersehen, dass eine Lage das Verhalten einschränkt. In einer Studie sank die Verzerrung bei Koreanern, wenn die Zwänge deutlicher hervortraten, bei US-Amerikanern nicht.

Aufwendige Korrektur

Der erste Schluss auf die Person kostet relativ wenig Aufwand, seine Korrektur mehr. Wer nebenher geistig beschäftigt ist, kann diesen Schluss kaum noch korrigieren.

Schiefe Erwartungen

Auch wer die Lage kennt, kann falsch einschätzen, wie stark sie Verhalten lenkt. Eine Übersichtsarbeit nennt als Beispiel Gehorsamsversuche, in denen Beobachter mehr Widerstand erwarteten, als die Teilnehmenden zeigten.

Vom Erkennen zum Handeln

Das Wissen um eine Anweisung genügte nicht: In zwei Experimenten zogen Beobachter dennoch zum Verhalten passende Schlüsse auf die Person.

Deshalb folgt jetzt gezieltes Verhalten.

Lösungsverhalten

Wie überwinde ich einen fundamentalen Attributionsfehler?

Die folgenden Verhaltensweisen üben den Blick der anderen ein, trennen Beobachtung und Wertung und fragen, welche Ziele die Umstände nahelegen.

Anzeichen

Daran erkennen Sie die Verzerrung

  • Sie beschreiben Kollegen mit Eigenschaften, bevor Sie deren Umstände kennen.
  • Sie fällen Urteile über andere, während Sie mit etwas anderem beschäftigt sind.
  • Sie sagen „typisch für ihn“, wenn einem Kollegen ein Fehler passiert.

Diese Verhaltensweisen setzen bei der Person an. Die Umstände bekommen dabei zu wenig Gewicht.

Vorab als Übung

Blick tauschen

Üben Sie den Perspektivwechsel (perspective taking): Nach einem Training dazu zeigte ein Experiment weniger Verzerrung als ohne; diese Übung selbst ist ungeprüft.

  1. Wählen Sie am Abend eine Begegnung des Tages.
  2. Beschreiben Sie sie aus Sicht Ihres Gegenübers.
  3. Notieren Sie, was der andere dabei wusste und sah.

„Was wusste und sah sie in diesem Moment?“

Im Moment des Urteils

Wertfrei benennen

Benennen Sie zuerst wertfrei, was geschah: Eine kurze Achtsamkeitsübung (mindfulness exercise) senkte bei Studierenden die Verzerrung leicht, nicht durchgängig; Benennen ist ungeprüft.

  1. Halten Sie inne, sobald Sie jemanden bewerten wollen.
  2. Nehmen Sie kurz wahr, was Sie gerade denken und spüren.
  3. Sagen Sie sich dann ohne wertendes Wort, was die Person tat.

„Was sehe ich, bevor ich es bewerte?“

Nach dem ersten Urteil

Andere Ziele erwägen

Suchen Sie ein Ziel, das die Lage nahelegt: Hinweise auf weitere Motive minderten in zwei Experimenten die Verzerrung; eigene Vermutungen sind ungeprüft.

  1. Halten Sie Ihr erstes Urteil in einem Satz fest.
  2. Notieren Sie, was der andere unter diesen Umständen erreichen könnte.
  3. Prüfen Sie, ob Urteil oder Notiz das Verhalten besser erklärt.

„Welches Ziel legt die Lage hier nahe?“

Kurzprüfung vor der nächsten Entscheidung

Drei Fragen, die Sie in einer Minute beantworten können.

  • Habe ich die Begegnung aus Sicht meines Gegenübers beschrieben?
  • Habe ich zuerst wertfrei benannt, was geschah?
  • Welches Ziel aus der Lage habe ich erwogen?

Weiterlesen

Verzerrungen im Detail erklärt

Leseliste

  • Choi, I., & Nisbett, R. E. (1998). Situational salience and cultural differences in the correspondence bias and actor-observer bias. Personality and Social Psychology Bulletin, 24(9), 949–960. https://doi.org/10.1177/0146167298249003
  • Fein, S., Hilton, J. L., & Miller, D. T. (1990). Suspicion of ulterior motivation and the correspondence bias. Journal of Personality and Social Psychology, 58(5), 753–764. https://doi.org/10.1037/0022-3514.58.5.753
  • Gilbert, D. T., & Malone, P. S. (1995). The correspondence bias. Psychological Bulletin, 117(1), 21–38. https://doi.org/10.1037/0033-2909.117.1.21
  • Hooper, N., Erdogan, A., Keen, G., Lawton, K., & McHugh, L. (2015). Perspective taking reduces the fundamental attribution error. Journal of Contextual Behavioral Science, 4(2), 69–72. https://doi.org/10.1016/j.jcbs.2015.02.002
  • Hopthrow, T., Hooper, N., Mahmood, L., Meier, B. P., & Weger, U. (2017). Mindfulness reduces the correspondence bias. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 70(3), 351–360. https://doi.org/10.1080/17470218.2016.1149498
  • Moore, D. A., Swift, S. A., Sharek, Z. S., & Gino, F. (2010). Correspondence bias in performance evaluation: Why grade inflation works. Personality and Social Psychology Bulletin, 36(6), 843–852. https://doi.org/10.1177/0146167210371316

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