Selbsttest für Verzerrungen (biases)

Biases sind sogenannte kognitive Verzerrungen im Denken. In der Psychologie und anderen Sozialwissenschaften gibt es eine jahrzehntelang zurückreichende Ansammlung an Erkenntnissen aus verschiedensten Experimenten, Studien oder Beobachtungen, dass Menschen eine Vielzahl an Verzerrungen in ihren Entscheidungen und ihrem Verhalten zeigen. Häufig decken diese Verzerrungen und Denkfehler zugleich psychische Prozesse auf, sodass einige von diesen Verzerrungen mittlerweile ziemlich gut verstanden und sogar vorhergesagt werden können.

Um die Vorhersage von Verzerrungen beispielhaft zu zeigen, können Sie an einem kleinen Experiment teilnehmen. Direkt unter diesem Absatz befindet sich ein kleiner Fragebogen. In diesem Fragebogen werden typische Alltagsentscheidungen abgefragt. Beantworten Sie diesen ganz intuitiv, bevor Sie weiter unten weiterlesen. 

Bitte beachten Sie den Hinweis, dass der nachfolgende Test über Google Formulare umgesetzt wurde und Sie somit Ihre Antworten an Google senden. Gegenüber dem Betreiber von BehavioralDesign.de sind Ihre Angaben anonym.

 

Dieser Fragebogen basiert auf verschiedenen Experimenten, die in den vergangenen Jahrzehnten in der Psychologie und Verhaltensökonomie durchgeführt wurden.

Beispielsweise wurden Frage 1 und Frage 10 aus den Studien von Daniel Kahneman und Amos Tversky von 1979 entnommen und leicht abgewandelt. Es zeigte sich in deren häufig zitierten Publikation, dass Menschen in Situationen, in denen sie etwas gewinnen können, risikoavers sind. Das bedeutet, dass man eher risikoscheu entscheidet. In Situationen, in denen sie etwas verlieren könnten, entscheiden sie wiederum risikofreudig, da sie die Möglichkeit suchen, den Verlust zu vermeiden.

Die Vorhersage ist daher, dass bei Frage 1 die Mehrheit sich für die Option der sicheren 250€ entscheidet und bei Frage 10 den Gerichtsbeschluss abwartet.

Falls Sie sich anders als die Vorhersage entschieden haben, ist das nicht weiter verwunderlich. Denn im Gegensatz zu manch anderen Wissenschaften betrachtet die Psychologie Menschen mit höchst unterschiedlichen Motiven und Präferenzen. Außerdem spielen natürlich situative Faktoren wie Müdigkeit, Konzentration, Ablenkung, sozioökonomischer Status oder wahlloses Klicken eine große Rolle.

Bei der Frage nach dem Kaffee werden Sie festgestellt haben, dass Ihnen keinerlei weitere Informationen wie Preis oder Geschmacksrichtung mitgeteilt wurden. Sie mussten nur nach der Größe des Kaffeebechers entscheiden. In dieser Entscheidungssituation, die Sie in fast allen Einkaufsmärkten identisch wiederfinden, mussten Sie intuitiv eine Entscheidung treffen ohne eine klare Abwägung vornehmen zu können. In solchen Situationen kommt es häufig zum sogenannten compromise effect, also einem Kompromisseffekt. Menschen entscheiden sich für eine Variante, die von den Extremvarianten nicht allzuweit entfernt ist. Es ist also für Frage 2 zu erwarten, dass die Mehrheit sich für die mittlere Größe entschieden hat. Diese Art von Produktgestaltung finden Sie übrigens in jedem Supermarkt, Bekleidungsgeschäft oder auch Tankstelle wieder.

Bei der Art der Produktgestaltung und -präsentation kommt es häufig darauf an, wie Dinge präsentiert werden. Dies führt zu einem Fachgebiet namens choice architecture, Optionsarchitektur, in dem man sich damit beschäftigt, wie Optionen zur Wahl gestellt werden. Bei Frage 3 konnten Sie zwischen einem Onlineangebot und einer gedruckten Zeitung wahllos entscheiden. Wenn Sie allerdings wie in Frage 4 eine dritte Option hinzugestellt bekommen, geschieht eine Verzerrung namens asymmetric dominance effect, also einer asymmetrischen Dominanz einer der Optionen. Wie Sie sicherlich festgestellt haben, ist die Option in der Kombination von Online- und Druckversion der reinen Druckversion dadurch überlegen, dass sich der Preis nicht unterscheidet und man somit mehr Leistung für den gleichen Preis erhält. Allein das Hinzufügen einer solchen Option führt nun dazu, dass der Anteil derjenigen, die die Onlineversion wählen, von Frage 3 zu Frage 4 sinkt.

In den nächsten drei Fragen wurden Sie nach einer zufälligen Zahl zwischen 10 und 99 gefragt. Diese Frage diente für die nachfolgenden Fragen als Ausgangsbasis. Während sie inhaltlich völlig unbedeutend für die Einschätzung eines guten Preises für einen Weiterbildungskurs ist, dient die Frage dennoch als sogenannter Anker für nachfolgende Gedankengänge. Bei der Verzerrung des Ankererffekts spielt es keine Rolle, ob der Anker in einem verknüpften oder völlig anderen Thema gesetzt wurde. Entscheidend ist dabei nur, dass ein spezifischer Anker in den Gedanken kurz zuvor gesetzt wurde, der dann die nachfolgenden Intepretationen beeinfluss. Die Vorhersage ist, dass die Vorstellung, dass die vorher ausgedachte Zahl ein guter Preis für eine Weiterbildung sei, für eine Mehrheit der Teilnehmer zutrifft. Zusätzlich bildet es eine Ausgangsbasis für die maximale Zahlungsbereitschaft, welche eine hohe Korrelation mit der vorher geschätzten Zahl aufweisen sollte.

Die Fragen 8 und 9 beschäftigten sich mit monetären Aspekten und Verzerrungen, die durch zeitliche Unterschiede entstehen. Über das sogenannte temporal discounting, einer zeitlichen Abzinsung, wurde gezeigt, dass unmittelbare Auszahlungen einen höheren Wert darstellen als zukünftige Auszahlungen. Dies trifft sogar dann zu, wenn die spätere Auszahlung über Inflationsniveau hinaus verzinst wird. Sobald eine Auszahlung in größerer zeitlicher Entfernung geschieht, verschwindet dieser verstärkte Fokus. Hypothesen besagen, dass die Abzinsung weder linear noch zeitlich konstant verläuft. Die gleich lange Wartezeit für eine Auszahlung hat also einen ganz anderen Einfluss, wenn sie unmittelbar bevorsteht oder ob man in ferner Zukunft noch etwas länger wartet. Die Vorhersage ist daher, dass in Frage 8 sich die Mehrheit für eine unmittelbare Auszahlung entscheidet, obwohl eine Wartezeit von einem Monat hoch verzinst würde. Für Frage 9 dreht sich dieser Effekt um, sodass die Mehrheit eher einen Monat länger wartet, um die höhere Auszahlung zu erhalten.

Die gezeigten Beispiele für Verzerrungen, biases, verdeutlichen, wie unterschiedlich die Entscheidungen und Handlungen von bestimmten Faktoren beeinflusst werden. Man ist jedoch nicht machtlos gegenüber kognitiven Verzerrungen, wie die Beispiele aus dem Fragebogen zeigen. Zwar wird vorhergesagt, dass eine Mehrheit sich gemäß einer Verzerrung entscheiden. Jedoch entscheidet sich auch oft eine beachtliche Anzahl rationaler, sodass sie nicht einer Verzerrung unterliegen. Es gibt zahlreiche Methoden, um solche Verzerrungen zu vermeiden. Für Einzelpersonen ist ein Bewusstsein über solche Verzerrungen eine große Hilfe. Für Organisationen und Unternehmen gibt es Lösungsansätze durch das bewusste Gestalten von Entscheidungssituationen (siehe hierzu auch choice architecture und nudge).