Verzerrung (bias)

Aktivitätsverzerrung

action bias

Bei der Aktivitätsverzerrung greifen Menschen lieber ein, als abzuwarten, sobald Eingreifen als das Normale gilt. Dabei wäre Abwarten nach allem, was sie wissen, mindestens ebenso gut.

Steckbrief

  • Englischer Begriff action bias
  • Art Denkfehler
  • Häufigkeit im Alltag häufig

Fünf Beispiele auf dieser Seite

Definition

Was ist eine Aktivitätsverzerrung?

Aktivitätsverzerrung (action bias) beschreibt die Neigung, lieber zu handeln als abzuwarten, auch wenn Abwarten nach den vorliegenden Informationen mindestens ebenso gut wäre. Die Handlung erscheint dabei als die normale Wahl, selbst wenn das erwartbare Ergebnis nicht für sie spricht.

Eine Auswertung von 286 Elfmetern in Spitzenligen zeigt die Folgen. Torhüter, die in der Mitte blieben, hielten den Ball zu 33 Prozent, während springende Torhüter 13 Prozent hielten. Dennoch sprangen die Torhüter eben in 94 Prozent der Fälle.

Der Impuls drängt zum Eingreifen. Das Ergebnis verlangt es nicht.

Typische Gedanken

  • „Irgendetwas müssen wir jetzt tun.“
  • „Abwarten sieht nach Untätigkeit aus.“
  • „Lieber zu viel als zu wenig.“

Wer so denkt, hält das Abwarten dabei für die weniger normale Wahl.

Beispiele

Fünf Beispiele für die Aktivitätsverzerrung

Je ein Beispiel aus Arbeit, Familie, Gesundheit, Finanzen und Gesellschaft. Jedes Beispiel zeigt erst die Situation, dann die Verzerrung und zum Schluss das Lösungsverhalten.

Arbeit

Die Krisensitzung im Projekt

Situation

Ein Projektleiter erfährt, dass sein Team einen Meilenstein zwei Tage später als gedacht erreicht. Der Projektplan enthält an dieser Stelle noch einen Puffer von drei Wochen.

Verzerrung

Er beruft noch am Nachmittag eine Krisensitzung ein und zieht zwei Entwickler aus anderen Aufgaben ab. Der Puffer deckt die Verzögerung dabei ganz ab.

Lösungsverhalten

Er trägt die Verzögerung in den Plan ein und greift erst ein, wenn der Puffer eben unter vierzehn Tage fällt.

Typischer Gedanke: „Besser jetzt gegensteuern als später.“

Familie

Die Aussprache um Mitternacht

Situation

Nach einem Streit bittet eine Partnerin um Ruhe bis zum Morgen und zieht sich zurück. Ihr Partner weiß, dass sie am Morgen reden wird.

Verzerrung

Er klopft dennoch zweimal an ihre Tür und drängt auf eine sofortige Aussprache. Die Nacht verstreichen zu lassen, empfindet er als Untätigkeit, trotz ihrer Bitte.

Lösungsverhalten

Er schickt ihr eine Nachricht mit einer festen Uhrzeit für den Morgen und notiert bis dahin in Ruhe, was er sagen will.

Typischer Gedanke: „Das müssen wir jetzt klären.“

Gesundheit

Das Rezept für den Notfall

Situation

Eine Patientin hat seit zwei Tagen eine virale Erkrankung mit Husten. Ihr Hausarzt erklärt ihr, dass ein Antibiotikum hier eben keinen Nutzen hat.

Verzerrung

Sie drängt dennoch auf das Rezept. Mit einem Medikament nach Hause zu gehen, fühlt sich richtiger an als die Empfehlung, abzuwarten.

Lösungsverhalten

Sie nimmt das Angebot des Arztes an: ein Rezept, das sie nur einlöst, wenn es ihr nach 48 Stunden schlechter geht.

Typischer Gedanke: „Mit Rezept fühle ich mich behandelt.“

Finanzen

Die Waschmaschine mit dem Geräusch

Situation

Eine Waschmaschine macht beim Schleudern seit einer Woche ein leises Klackern. Sie wäscht einwandfrei, ein Fehlercode liegt zudem nicht vor.

Verzerrung

Das Paar bestellt am Wochenende eine neue Maschine. Beide wissen, dass sie läuft, wobei zu warten ihnen wie Aussitzen vorkommt.

Lösungsverhalten

Sie beobachten drei weitere Wäschen und rufen erst dann einen Techniker, wenn das Geräusch lauter wird oder ein Fehler erscheint.

Typischer Gedanke: „Abwarten kommt nicht infrage.“

Gesellschaft

Die Ampel nach dem Unfall

Situation

An einer Kreuzung ereignet sich ein Unfall mit Blechschaden. Die Unfallstatistik der letzten fünf Jahre weist dort keine Auffälligkeit aus.

Verzerrung

Ein Gemeinderat beantragt in der folgenden Sitzung eine Ampel. Die Statistik kennt er, doch nach einem Unfall nichts zu tun, kommt ihm verkehrt vor.

Lösungsverhalten

Er beantragt eine Zählung an der Kreuzung über zwölf Monate und benennt vorab die Unfallzahl, ab der eine Ampel kommt.

Typischer Gedanke: „Nach einem Unfall kann ich nicht abwarten.“

Hintergründe

Erklärung und Hintergründe der Aktivitätsverzerrung

Diese Verzerrung ist ein Denkfehler. Ihre Ursachen liegen dabei in Normen, zugeschriebener Reue und Tatendrang.

Norm des Handelns

Wo Eingreifen als normal gilt, wiegt ein Misserfolg nach Abwarten schwerer als nach Eingreifen, sodass man eher eingreift.

Reue nach Rückschlag

Nach einem Rückschlag schreiben Menschen dem Abwarten mehr Reue zu. Das Vorergebnis kehrt dabei die übliche Richtung um.

Wunsch zu bewirken

Menschen wollen Gewinne selbst herbeiführen. Sorge verstärkt zudem den Wunsch nach einem Eingriff, selbst wenn dessen Nutzen fehlt.

Vom Erkennen zum Handeln

Wissen allein schützt nicht: Trotz Zahlen für das Abwarten wählten in einer Studie eben 58 Prozent den Eingriff.

Deshalb folgt jetzt gezieltes Verhalten.

Lösungsverhalten

Wie überwinde ich eine Aktivitätsverzerrung?

Die folgenden Verhaltensweisen setzen dabei an drei Stellen an: beim Zeitpunkt, bei der Begründung und bei der Regel.

Anzeichen

Daran erkennen Sie die Verzerrung

  • Sie treffen Entscheidungen am Tag einer schlechten Nachricht.
  • Sie begründen Maßnahmen mit dem Satz „Irgendetwas müssen wir tun“.
  • Sie ändern Pläne, bevor der vereinbarte Termin erreicht ist.

Solche Reaktionen sind verständlich. Sie deuten aber darauf hin, dass gerade der Impuls entscheidet und nicht das Ergebnis.

Vor der Entscheidung

Prüftermin

Verschieben Sie die Maßnahme auf einen festen Termin, an dem Sie die Lage erneut prüfen.

  1. Setzen Sie einen Prüftermin, etwa in zwei Tagen.
  2. Notieren Sie, welches Zeichen die Maßnahme dann auslöst.
  3. Greifen Sie zum Termin nur bei diesem Zeichen ein.

„Was muss bis zum Prüftermin passiert sein?“

Während der Entscheidung

Begründung zuerst

Notieren Sie ganz konkret, was das Handeln gegenüber dem Abwarten bringen soll, bevor Sie etwas tun.

  1. Schreiben Sie auf, was Abwarten bringen würde.
  2. Schreiben Sie auf, was Handeln bringen würde.
  3. Handeln Sie nur, wenn das zweite Ergebnis besser ist.

„Was bringt mein Eingreifen, was Abwarten nicht bringt?“

Nach einem Rückschlag

Feste Regel

Bestimmen Sie eben in ruhigen Zeiten, welches Ereignis eine Änderung auslöst, und halten Sie sich daran.

  1. Halten Sie die Regel vor dem nächsten Rückschlag fest.
  2. Teilen Sie diese Festlegung mit allen Beteiligten.
  3. Prüfen Sie nach dem Rückschlag nur diese Festlegung.

„Was habe ich mir vorher vorgegeben?“

Kurzprüfung: Aktivitätsverzerrung

Drei Fragen, die Sie in einer Minute beantworten können.

  • Wann prüfe ich die Lage erneut?
  • Was passiert, wenn ich nichts tue?
  • Was habe ich mir dafür vorgenommen?

Weiterlesen

Verzerrungen im Detail erklärt

Leseliste: Aktivitätsverzerrung

  • Bar-Eli, M., Azar, O. H., Ritov, I., Keidar-Levin, Y., & Schein, G. (2007). Action bias among elite soccer goalkeepers: The case of penalty kicks. Journal of Economic Psychology, 28(5), 606–621. https://doi.org/10.1016/j.joep.2006.12.001
  • Feldman, G. (2020). What is normal? Dimensions of action-inaction normality and their impact on regret in the action-effect. Cognition and Emotion, 34(4), 728–742. https://doi.org/10.1080/02699931.2019.1675598
  • Lacey, H. P., Lacey, S. C., Dayal, P., Forest, C., & Blasi, D. (2023). Context matters: Emotional sensitivity to probabilities and the bias for action in cancer treatment decisions. Medical Decision Making, 43(4), 417–429. https://doi.org/10.1177/0272989X231161341
  • Patt, A., & Zeckhauser, R. (2000). Action bias and environmental decisions. Journal of Risk and Uncertainty, 21(1), 45–72. https://doi.org/10.1023/A:1026517309871
  • Spiro, D. M., Tay, K.-Y., Arnold, D. H., Dziura, J. D., Baker, M. D., & Shapiro, E. D. (2006). Wait-and-see prescription for the treatment of acute otitis media: A randomized controlled trial. JAMA, 296(10), 1235–1241. https://doi.org/10.1001/jama.296.10.1235
  • Zeelenberg, M., van den Bos, K., van Dijk, E., & Pieters, R. (2002). The inaction effect in the psychology of regret. Journal of Personality and Social Psychology, 82(3), 314–327. https://doi.org/10.1037/0022-3514.82.3.314

Welche Verzerrungen wirken bei Ihren eigenen Entscheidungen?