Verzerrung (bias)
Vorausschauverzerrung
projection bias
Bei der Vorausschauverzerrung entscheiden Menschen hungrig, frierend oder aufgewühlt über Dinge, die erst später zählen. Wie anders sie sich dann fühlen, unterschätzen sie dabei.
Steckbrief
- Englischer Begriff projection bias
- Art Urteilsfehler
- Häufigkeit im Alltag häufig
Fünf Beispiele auf dieser Seite
Definition
Was ist eine Vorausschauverzerrung?
Die Vorausschauverzerrung (projection bias) beschreibt die Neigung, die eigenen heutigen Vorlieben und den aktuellen Zustand auf später zu übertragen. Man unterschätzt dabei, wie stark sich beides bis dahin ändert. Hungrig oder aufgewühlt überschätzt man die Beständigkeit heutiger Vorlieben, satt oder ruhig unterschätzt man, wie späterer Hunger oder Ärger wirkt.
In einem Experiment wählten Teilnehmende Snacks für einen Termin in einer Woche. Wer hungrig wählte, nahm mehr ungesunde Snacks als wer satt wählte, obwohl auch der künftige Hunger in die Wahl einfloss.
Der Zustand von heute vergeht. Die Entscheidung wirkt nach.
Typische Gedanken
- „So wie jetzt fühle ich mich dann auch.“
- „Das will ich später genauso.“
- „Darauf habe ich dann sicher Lust.“
Diese Gedanken übertragen den heutigen Zustand unverändert auf einen späteren Zeitpunkt.
Beispiele
Fünf Beispiele für die Vorausschauverzerrung
Je ein Beispiel aus Arbeit, Familie, Gesundheit, Finanzen und Gesellschaft. Jedes Beispiel zeigt erst die Situation, dann die Verzerrung und zum Schluss das Lösungsverhalten.
Arbeit
Die Kantinenbestellung nach dem Frühstück
Situation
Ein Sachbearbeiter gibt direkt nach einem üppigen Frühstück die Kantinenbestellung für die ganze Woche ab. Er wählt für jeden Mittag nur einen kleinen Salat.
Verzerrung
Satt bemisst er, wie viel er mittags um eins essen will, und unterschätzt, wie anders sein Hunger bis dahin ist.
Lösungsverhalten
Er bestellt jeden Tag erst kurz vor Mittag, wenn der Hunger da ist, und nur für diesen Tag.
Typischer Gedanke: „Mehr brauche ich mittags nicht.“
Familie
Die Geburtstagsfeier im Garten
Situation
An einem warmen Maiabend plant eine Großmutter auf der Terrasse ihre Geburtstagsfeier im Oktober. Sie mietet dafür nur den Garten des Gasthauses, keinen Saal.
Verzerrung
Sie überträgt den milden Abend auf den Oktober und unterschätzt, wie kalt es dann abends im Garten wird.
Lösungsverhalten
Sie stellt sich einen Oktoberabend um acht im Garten vor, Jacken, Dunkelheit, und entscheidet dann über den Saal.
Typischer Gedanke: „Abends draußen ist es herrlich.“
Gesundheit
Der Frühsport nach den Ferien
Situation
Am letzten Urlaubstag, ausgeruht, trägt sich ein Lehrer für die Frühsportgruppe um sechs ein, die nach den Ferien bis Weihnachten läuft.
Verzerrung
Erholt bemisst er, wie viel Kraft er an Schulmorgen für den Frühsport haben wird, und unterschätzt die Müdigkeit im Schulalltag.
Lösungsverhalten
Er bittet die Gruppe um eine Woche Aufschub und entscheidet nach den ersten Schulmorgen, ob er sich einträgt.
Typischer Gedanke: „So fit bin ich auch im Schuljahr.“
Finanzen
Das Cabrio am Sonnentag
Situation
An einem sonnigen Aprilsamstag will ein Mann statt des geplanten Kombis ein Cabrio kaufen. Er will es zehn Jahre fahren, Winter eingeschlossen.
Verzerrung
Er überträgt die Lust auf offenes Fahren vom Sonnentag auf die Jahre danach und unterschätzt die Regen- und Wintermonate.
Lösungsverhalten
Er verschiebt die Unterschrift und vereinbart die zweite Besichtigung für einen Regentag, bevor er sich entscheidet.
Typischer Gedanke: „Offen fahren will ich das ganze Jahr.“
Gesellschaft
Das Vorlesen in der Bibliothek
Situation
Eine Rentnerin liest seit einer Woche zweimal wöchentlich Kindern in der Bibliothek vor. Die Nachmittage strengen sie an, und sie sagt der Leiterin für die Zukunft ab.
Verzerrung
Sie bemisst nach der ersten, anstrengenden Woche, wie ihr die Nachmittage in drei Monaten fallen werden, und rechnet nicht mit der Gewöhnung.
Lösungsverhalten
Sie vereinbart mit der Leiterin, nach sechs Wochen erneut zu entscheiden, und trägt den Termin in ihren Kalender ein.
Typischer Gedanke: „So anstrengend bleibt das jedes Mal.“
Hintergründe
Erklärung und Hintergründe der Vorausschauverzerrung
Der eigene Zustand beim Festlegen wirkt auf Entscheidungen für später. Die folgenden Mechanismen zeigen, wie das geschieht.
Zustand fließt ein
Hunger wie Aufregung beim Entscheiden fließen in die Wahl für später ein. In einer Auktion boten Hungrige mehr für Käse als Satte, auch für eine Lieferung, wenn sie satt sein würden.
Wetter des Tages
Das Wetter am Tag der Bestellung lenkt Käufe, die man erst später nutzt. In Felddaten wirkte die Temperatur am Bestelltag dabei zu stark auf Bestellungen von Artikeln für kaltes Wetter.
Unterschätzte Gewöhnung
In einem Feldexperiment stieg der Besuch im Fitnessstudio nach einer Anreizphase, was die Teilnehmenden offenbar nicht vorhersahen. Die Autoren deuten das als Gewohnheitsbildung. Insgesamt überschätzten die Teilnehmenden ihren künftigen Besuch aber deutlich.
Vom Erkennen zum Handeln
Die Richtung der Änderung zu kennen genügt nicht: Nach der Forschungslage, die eine Feldstudie zusammenfasst, bleibt das Ausmaß unterschätzt.
Deshalb folgt jetzt gezieltes Verhalten.
Lösungsverhalten
Wie überwinde ich eine Vorausschauverzerrung?
Die folgenden Verhaltensweisen setzen an, bevor Sie sich festlegen, während der heutige Zustand wirkt, und wenn er vorbei ist.
Anzeichen
Daran erkennen Sie die Verzerrung
- Sie füllen hungrig den Einkaufswagen für die kommende Woche.
- Sie bestellen an kalten Tagen Winterkleidung, die Sie später zurückschicken.
- Sie sagen im Hochgefühl Aufgaben für die nächsten Monate zu.
Diese Verhaltensweisen binden spätere Tage an das heutige Befinden. Der Auslöser kann dabei Hunger, Wetter oder Hochstimmung sein.
Vor der Festlegung
Passend entscheiden
Entscheiden Sie in der Verfassung, die später gilt. Raucher, die im passenden Zustand vorhersagten, unterschätzten in einem Experiment den späteren Wert des Rauchens nicht; im Alltag ist das ungeprüft.
- Fragen Sie sich, in welcher Verfassung die Entscheidung später wirkt.
- Verschieben Sie die Entscheidung auf einen Zeitpunkt in dieser Verfassung.
- Bestellen Sie Mahlzeiten im Voraus etwa so hungrig wie zur Essenszeit.
„Fühle ich mich jetzt so wie dann?“
Im aktuellen Zustand
Lage durchspielen
Spielen Sie den späteren Augenblick konkret durch. In Experimenten verschob das Vorstellen von Kälte oder Hunger die Vorlieben passend zur vorgestellten Lage; ob die Vorhersagen dadurch stimmen, ist ungeprüft.
- Benennen Sie Tag und Uhrzeit, an denen die Wahl wirkt.
- Stellen Sie sich Ort, Wetter und Körpergefühl dieses Augenblicks vor.
- Treffen Sie die Wahl aus diesem vorgestellten Augenblick heraus.
„Wie geht es mir, wenn ich das nutze?“
Nach dem Zustandswechsel
Danach prüfen
Prüfen Sie erneut, sobald Hunger, Kälte oder Aufregung vorbei sind. Je kälter der Bestelltag, desto öfter kamen Artikel für kaltes Wetter zurück (Beobachtungsdaten); ob Nachprüfen hilft, ist ungeprüft.
- Warten Sie ab, bis der Zustand von heute abgeklungen ist.
- Sehen Sie Kauf oder Zusage in dieser Lage erneut an.
- Treten Sie zurück, solange es geht, oder bestätigen Sie Ihre Wahl.
„Will ich das jetzt noch genauso?“
Kurzprüfung: Vorausschauverzerrung
Drei Fragen, die Sie in einer Minute beantworten können.
- Wie ging es mir beim Entscheiden?
- Habe ich mir den späteren Augenblick vorgestellt?
- Habe ich nach dem Zustandswechsel noch einmal geprüft?
Weiterlesen
Verzerrungen im Detail erklärt
Leseliste: Vorausschauverzerrung
- Acland, D., & Levy, M. R. (2015). Naiveté, projection bias, and habit formation in gym attendance. Management Science, 61(1), 146–160. https://doi.org/10.1287/mnsc.2014.2091
- Conlin, M., O’Donoghue, T., & Vogelsang, T. J. (2007). Projection bias in catalog orders. American Economic Review, 97(4), 1217–1249. https://doi.org/10.1257/aer.97.4.1217
- Loewenstein, G. (2005). Hot-cold empathy gaps and medical decision making. Health Psychology, 24(4, Suppl.), S49–S56. https://doi.org/10.1037/0278-6133.24.4.S49
- Read, D., & van Leeuwen, B. (1998). Predicting hunger: The effects of appetite and delay on choice. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 76(2), 189–205. https://doi.org/10.1006/obhd.1998.2803
- Sayette, M. A., Loewenstein, G., Griffin, K. M., & Black, J. J. (2008). Exploring the cold-to-hot empathy gap in smokers. Psychological Science, 19(9), 926–932. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2008.02178.x
- Steinmetz, J., Tausen, B. M., & Risen, J. L. (2018). Mental simulation of visceral states affects preferences and behavior. Personality and Social Psychology Bulletin, 44(3), 406–417. https://doi.org/10.1177/0146167217741315
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