Verzerrung (bias)
Ist-Zustand-Verzerrung
status quo bias
Bei der Ist-Zustand-Verzerrung neigen Menschen dazu, beim Bestehenden zu bleiben: beim alten Vertrag, beim gewohnten Ablauf, bei der früheren Wahl. Eine Alternative startet dabei im Nachteil, selbst wenn sie gleich gut ist.
Steckbrief
- Englischer Begriff status quo bias
- Art Denkfehler
- Häufigkeit im Alltag häufig
Fünf Beispiele auf dieser Seite
Definition
Was ist eine Ist-Zustand-Verzerrung?
Ist-Zustand-Verzerrung (status quo bias) beschreibt die Neigung, am Bestehenden festzuhalten, auch wenn eine Alternative mindestens gleich gut wäre. Bestehend heißt dabei: nichts ändern oder bei einer früheren Entscheidung bleiben. In Experimenten wählten Teilnehmende dieselbe Option eher als Bestehendes denn als Alternative, aber nicht in jedem Szenario.
Die Verzerrung zeigt sich auch bei großen Entscheidungen: Bei Krankenversicherung und Altersvorsorge von Hochschullehrenden war sie erheblich. In einer Feldstudie zur Betriebsrente nahm nicht teil, wer sich nicht anmeldete. Mussten neue Beschäftigte dagegen aktiv wählen, lag der anfängliche Anteil der Anmeldungen 28 Prozentpunkte höher. Ohne diese Pflicht hätte dieselbe Verteilung der Sparquoten laut Hochrechnung 30 statt drei Monate gebraucht.
Bestehen allein ist kein Vorzug. Beide Wege verdienen dieselbe Prüfung.
Typische Gedanken
- „Das hat sich bewährt.“
- „Es läuft, warum etwas ändern?“
- „Das machen wir seit Jahren so.“
Diese Gedanken begründen das Bleiben mit dem Bestand, nicht mit einem Vergleich der Vorzüge.
Beispiele
Fünf Beispiele für die Ist-Zustand-Verzerrung
Je ein Beispiel aus Arbeit, Familie, Gesundheit, Finanzen und Gesellschaft. Jedes Beispiel zeigt erst die Situation, dann die Verzerrung und zum Schluss das Lösungsverhalten.
Arbeit
Der Stand auf der Fachmesse
Situation
Eine Marketingleiterin bucht seit sieben Jahren denselben Stand am Rand einer Fachmesse. Zum gleichen Preis wird ein Stand am Haupteingang frei, an dem doppelt so viele Besucher vorbeigehen.
Verzerrung
Sie meldet sich nicht auf das Angebot und bucht den alten Stand erneut, weil sie an der Messeplanung lieber nichts ändert.
Lösungsverhalten
Sie notiert zuerst drei Vorteile des Stands am Eingang, dann drei Nachteile, und antwortet der Messe danach noch heute.
Typischer Gedanke: „Unser Stand am Rand hat immer gereicht.“
Familie
Der Campingplatz jeden Sommer
Situation
Eine Familie fährt seit zehn Sommern auf denselben Campingplatz, wo sich die Teenager langweilen. Ein Platz am See kostet gleich viel und bietet Segelkurse.
Verzerrung
Die Mutter bucht wieder den alten Platz, weil die Familie dort seit Jahren Urlaub macht.
Lösungsverhalten
Sie notiert mit den Kindern zuerst drei Vorteile des Sees, dann drei Nachteile, und bucht danach einen der Plätze.
Typischer Gedanke: „Da waren wir schon immer zufrieden.“
Gesundheit
Das Fitnessstudio am alten Wohnort
Situation
Ein Pfleger trainiert seit sechs Jahren in einem Studio, das nach seinem Umzug vierzig Minuten entfernt liegt. Ein gleich teures Studio nebenan bietet dieselben Kurse.
Verzerrung
Er verlängert die Mitgliedschaft im alten Studio und trainiert seltener als früher, weil er dort seit Jahren angemeldet ist.
Lösungsverhalten
Er setzt sich das Monatsende als Frist und wählt dann ausdrücklich zwischen beiden Mitgliedschaften.
Typischer Gedanke: „Dort trainiere ich seit Jahren.“
Finanzen
Die Zeitschriften im Abonnement
Situation
Ein Paar bezieht seit acht Jahren zwei Zeitschriften für zusammen 190 Euro im Jahr. Seit der Geburt ihres Kindes lesen beide sie nicht mehr.
Verzerrung
Sie lassen beide Abonnements weiterlaufen, statt zu kündigen, weil die Hefte seit Jahren auf dem Küchentisch liegen.
Lösungsverhalten
Sie setzen sich den Sonntag als Frist und entscheiden dann für jedes Heft ausdrücklich, ob es bleibt.
Typischer Gedanke: „Die Abos laufen seit Jahren mit.“
Gesellschaft
Der Termin des Schulflohmarkts
Situation
Ein Elternbeirat hält den Schulflohmarkt seit zwölf Jahren am ersten Maisamstag ab. Dieses Jahr verreisen dann viele Familien; der Samstag danach ist frei.
Verzerrung
Die Vorsitzende hält am bekannten Termin fest, weil der Flohmarkt seit Jahren an diesem Samstag stattfindet.
Lösungsverhalten
Sie notiert erst, was für den späteren Samstag spricht, dann, was dagegen spricht, und schreibt danach dem Beirat.
Typischer Gedanke: „Der Flohmarkt ist am ersten Maisamstag.“
Hintergründe
Erklärung und Hintergründe der Ist-Zustand-Verzerrung
Das Bestehende geht mit einem Vorsprung in den Vergleich. Drei Ursachen tragen dazu bei.
Lieber nicht handeln
In Experimenten ging die Verzerrung zum Teil darauf zurück, dass Teilnehmende lieber nicht handelten. In einer Aufgabe, die kein Handeln verlangte, trat sie nicht auf.
Ungleiches Bedauern
In einer schwierigen Wahrnehmungsaufgabe bereuten Teilnehmende Fehler nach einem Wechsel stärker als nach dem Bleiben. Hirnaktivität nach solchen Fehlern sagte zudem voraus, ob Teilnehmende im nächsten Durchgang beim Bestehenden blieben.
Bestehen als Gütezeichen
Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass Menschen bloßes Bestehen als Hinweis auf Güte nehmen. Je länger etwas besteht, desto stärker wird dieser Vorzug.
Vom Erkennen zum Handeln
Gleiche Angaben, anderes Abwägen: In einem Experiment nannten Entscheidende früher und anteilig mehr Gründe gegen den Wechsel als Ratgebende.
Deshalb folgt jetzt gezieltes Verhalten.
Lösungsverhalten
Wie überwinde ich eine Ist-Zustand-Verzerrung?
Die folgenden Verhaltensweisen machen das Bleiben zur bewussten Wahl, ordnen die Gründe neu und holen den Blick von außen.
Anzeichen
Daran erkennen Sie die Verzerrung
- Sie verlängern Verträge, ohne andere Angebote anzusehen.
- Sie begründen Entscheidungen mit dem Satz „Das lief bisher so“.
- Sie verlangen vom Neuen Belege, die Sie vom Bisherigen nicht verlangen.
Diese Verhaltensweisen geben dem Bestehenden einen Vorsprung. Die Alternative bekommt dabei keine gleichwertige Prüfung.
Vor der Entscheidung
Aktiv wählen
Übertragen Sie eine Wahlpflicht auf sich: Eine Pflicht des Arbeitgebers hob in einer Feldstudie den anfänglichen Anteil der Anmeldungen zur Betriebsrente.
- Schreiben Sie alle Optionen auf, auch die bisherige.
- Setzen Sie sich einen festen Termin für die Entscheidung.
- Wählen Sie an diesem Termin ausdrücklich eine Option.
„Habe ich gewählt oder nur nichts geändert?“
Beim Abwägen
Vorteile zuerst
Notieren Sie erst Vorteile, dann Nachteile der Alternative; in einem Experiment fiel der Vorzug des Bestehenden so schwächer aus als umgekehrt.
- Notieren Sie drei Vorteile der neuen Möglichkeit.
- Notieren Sie danach drei ihrer Nachteile.
- Entscheiden Sie erst, wenn beide Listen vollständig sind.
„Was spricht zuerst für das Neue?“
Nach dem Abwägen
Rat für andere
Probieren Sie den Blick einer Ratgeberin: In zwei Szenario-Experimenten bevorzugten Ratgebende das Bestehende nicht; für die eigene Wahl ist das ungeprüft.
- Stellen Sie sich eine vertraute Person in Ihrer Lage vor.
- Schreiben Sie den Rat auf, den Sie ihr geben.
- Weichen Rat und Wahl ab, prüfen Sie die Gründe beider Seiten.
„Was würde ich einer Freundin hier raten?“
Kurzprüfung: Ist-Zustand-Verzerrung
Drei Fragen, die Sie in einer Minute beantworten können.
- Habe ich ausdrücklich gewählt?
- Was spricht für die Alternative?
- Welchen Rat gäbe ich jemand anderem?
Weiterlesen
Verzerrungen im Detail erklärt
Leseliste: Ist-Zustand-Verzerrung
- Carroll, G. D., Choi, J. J., Laibson, D., Madrian, B. C., & Metrick, A. (2009). Optimal defaults and active decisions. The Quarterly Journal of Economics, 124(4), 1639–1674. https://doi.org/10.1162/qjec.2009.124.4.1639
- Eidelman, S., & Crandall, C. S. (2012). Bias in favor of the status quo. Social and Personality Psychology Compass, 6(3), 270–281. https://doi.org/10.1111/j.1751-9004.2012.00427.x
- Lu, J., & Xie, X. (2014). To change or not to change: A matter of decision maker’s role. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 124(1), 47–55. https://doi.org/10.1016/j.obhdp.2013.12.001
- Nicolle, A., Fleming, S. M., Bach, D. R., Driver, J., & Dolan, R. J. (2011). A regret-induced status quo bias. The Journal of Neuroscience, 31(9), 3320–3327. https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.5615-10.2011
- Ritov, I., & Baron, J. (1992). Status-quo and omission biases. Journal of Risk and Uncertainty, 5(1), 49–61. https://doi.org/10.1007/BF00208786
- Samuelson, W., & Zeckhauser, R. (1988). Status quo bias in decision making. Journal of Risk and Uncertainty, 1(1), 7–59. https://doi.org/10.1007/BF00055564
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