Verzerrung (bias)
Optimismusverzerrung
optimism bias
Bei der Optimismusverzerrung neigen Menschen dazu, ihr eigenes Risiko geringer einzuschätzen als das Risiko anderer. Die Krankheit, der Unfall, der Verlust treffen dabei andere, nicht sie selbst.
Steckbrief
- Englischer Begriff optimism bias
- Art Denkfehler
- Häufigkeit im Alltag häufig
Fünf Beispiele auf dieser Seite
Definition
Was ist eine Optimismusverzerrung?
Optimismusverzerrung (optimism bias) beschreibt die Neigung, die eigenen Aussichten günstiger einzuschätzen, als die eigene Erfahrung und die Lage anderer es rechtfertigen. In einer Befragung hielten 258 Studierende im Durchschnitt gute Ereignisse für sich für wahrscheinlicher und schlechte für unwahrscheinlicher als für Kommilitonen. Ein Grund dabei: das Hochrechnen eigener Erfahrung.
Eine Auswertung von Verkehrsprojekten zeigt, wie weit Prognosen danebenliegen. Der Autor führt das auf Optimismusverzerrung und zudem auf bewusst geschönte Zahlen zurück. Die Kosten lagen im Mittel über der Prognose, bei Schienenprojekten um 44,7 Prozent, bei Straßen um 20,4 Prozent. Über siebzig Jahre wurden die Prognosen dabei nicht genauer.
Das Risiko gilt für andere. Die Zahlen kennen keine Ausnahme.
Typische Gedanken
- „Bei mir läuft das anders.“
- „Ich bin da nicht gefährdet.“
- „So etwas trifft andere.“
Diese Gedanken setzen das eigene Risiko unter das der anderen, ohne es zu prüfen.
Beispiele
Fünf Beispiele für die Optimismusverzerrung
Je ein Beispiel aus Arbeit, Familie, Gesundheit, Finanzen und Gesellschaft. Jedes Beispiel zeigt erst die Situation, dann die Verzerrung und zum Schluss das Lösungsverhalten.
Arbeit
Der Abschluss mit der Großkundin
Situation
Eine Vertriebsmitarbeiterin verhandelt mit einer Großkundin. Von ihren letzten zehn Großabschlüssen scheiterten sechs in der letzten Runde.
Verzerrung
Sie meldet den Abschluss als sicher, weil die Verhandlung bisher glatt laufe, sodass die Firma die Produktion einplant.
Lösungsverhalten
Sie meldet den Abschluss mit ihrer Quote von vier zu zehn und gibt die Produktion erst nach der Unterschrift frei.
Typischer Gedanke: „Der Abschluss ist so gut wie sicher.“
Familie
Die Hochzeit im Garten
Situation
Ein Paar plant die Hochzeit im Garten der Eltern. Die Wetterdaten der letzten zehn Jahre zeigen für diesen Monat an jedem dritten Tag Regen.
Verzerrung
Sie mieten kein Zelt, weil es an ihrem Tag bestimmt schön werde.
Lösungsverhalten
Sie legen die Regenquote zugrunde, reservieren ein Zelt mit kostenloser Absage und entscheiden drei Tage vorher.
Typischer Gedanke: „An unserem Tag scheint die Sonne.“
Gesundheit
Der Helm auf dem Arbeitsweg
Situation
Ein Pendler fährt täglich mit dem Rad durch die Stadt. Von zwanzig Radpendlern seiner Firma stürzten im letzten Jahr zwei auf derselben Strecke.
Verzerrung
Er hält einen Helm für unnötig, weil ihn ein Sturz nicht treffen werde.
Lösungsverhalten
Er fragt die beiden Kollegen nach dem Hergang, nimmt zwei von zwanzig als seine Quote und trägt ab morgen den Helm.
Typischer Gedanke: „Ich komme ohne Sturz durch.“
Finanzen
Die Rente aus dem Ladenverkauf
Situation
Ein Ehepaar plant die Rente mit dem Verkauf des eigenen Ladens. Von vergleichbaren Läden im Ort fanden in den letzten Jahren zwei von fünf einen Käufer.
Verzerrung
Sie rechnen fest mit dem Erlös, weil ihr Laden gut laufe und bekannt sei.
Lösungsverhalten
Sie planen die Rente ohne den Erlös, beauftragen jetzt einen Makler und behandeln den Erlös als Zusatz.
Typischer Gedanke: „Unser Laden findet einen Käufer.“
Gesellschaft
Das Haus am Fluss
Situation
Ein Hausbesitzer am Fluss erhält von der Gemeinde die Hochwasserkarte. Sein Grundstück liegt in einer Zone mit fünf Prozent Hochwasserrisiko pro Jahr.
Verzerrung
Er verzichtet auf Schutzmaßnahmen, weil das Wasser sein Haus nicht erreichen werde.
Lösungsverhalten
Er nimmt die fünf Prozent als gegeben, erfragt die Pegel der letzten Hochwasser und plant den Schutz bis zu diesem Pegel.
Typischer Gedanke: „Uns erreicht das Wasser nicht.“
Hintergründe
Erklärung und Hintergründe der Optimismusverzerrung
Die Verzerrung entsteht beim Einschätzen des eigenen Risikos. Drei Umstände prägen dabei die Einschätzung.
Hochgerechnete Erfahrung
In einer Befragung von 296 Personen entstand die Verzerrung oft beim Hochrechnen eigener Erfahrung: Was bisher ausblieb, galt als unwahrscheinlich.
Gefühl der Kontrolle
Eine Metaanalyse über 27 Stichproben zeigt zudem einen Zusammenhang. Je mehr Kontrolle Menschen über ein Ereignis wahrnehmen, desto günstiger schätzen sie ihr eigenes Risiko ein.
Bild der Gefahr
In derselben Befragung sank die Verzerrung, wenn eine Gefahr verbreitet erschien oder selbst erlebt war, und stieg mit ihrer wahrgenommenen Vermeidbarkeit.
Vom Erkennen zum Handeln
Wissen allein schützt nicht: Risikoinformation verringerte die Verzerrung in vier Studien nicht beständig. Gegenläufige Hinweise verstärkten sie dort teils.
Deshalb folgt jetzt gezieltes Verhalten.
Lösungsverhalten
Wie überwinde ich eine Optimismusverzerrung?
Die folgenden Verhaltensweisen setzen an die Stelle des Bauchgefühls die Zahlen Gleichgestellter, eine zweite Person und das Erlebte.
Anzeichen
Daran erkennen Sie die Verzerrung
- Sie lehnen Vorsorge ab, ohne nach den Zahlen für Gleichgestellte zu fragen.
- Sie sagen „mir passiert das nicht“, wenn jemand einen Vorfall schildert.
- Sie begründen Ihre Sicherheit mit Ihrer persönlichen Vorsicht.
Diese Verhaltensweisen stützen sich auf das Bauchgefühl. Die Zahlen vergleichbarer Personen bleiben dabei außen vor.
Vor der Einschätzung
Quote statt Gefühl
Setzen Sie Ihr Risiko auf die Quote vergleichbarer Personen, bevor Sie Ihren Fall bewerten.
- Notieren Sie die Rate für Personen in Ihrer Lage.
- Lesen Sie, was andere Betroffene für sich anführen.
- Übernehmen Sie diese Rate, bis Belege anderes zeigen.
„Wie geht es Menschen in meiner Lage?“
Bei der Entscheidung
Rechenschaft
Legen Sie Ihre Einschätzung einer zweiten Person offen, die Ihre Begründung prüft; in zwei Studien senkte das überzogene Selbsteinschätzungen.
- Nennen Sie einer zweiten Person Ihr Risiko mit Begründung.
- Bitten Sie sie, Ihre Begründung nachzuvollziehen.
- Entscheiden Sie erst nach dieser Prüfung.
„Wem lege ich meine Einschätzung offen?“
Nach einem Vorfall
Erfahrung einrechnen
Rechnen Sie jeden erlebten Vorfall in Ihren Wert ein; eigene Erfahrung ging in einer Befragung mit weniger Verzerrung einher.
- Halten Sie jedes Ereignis mit Datum und Umständen fest.
- Rechnen Sie es in Ihren bisherigen Wert ein.
- Prüfen Sie Ihre Vorkehrungen gegen die neue Zahl.
„Welches Ereignis gehört in meinen Wert?“
Kurzprüfung: Optimismusverzerrung
Drei Fragen, die Sie in einer Minute beantworten können.
- Wie hoch ist die Rate für Gleichgestellte?
- Wem habe ich meine Einschätzung offengelegt?
- Welches Ereignis habe ich eingerechnet?
Weiterlesen
Verzerrungen im Detail erklärt
Leseliste: Optimismusverzerrung
- Flyvbjerg, B. (2006). From Nobel Prize to project management: Getting risks right. Project Management Journal, 37(3), 5–15. https://doi.org/10.1177/875697280603700302
- Klein, C. T., & Helweg-Larsen, M. (2002). Perceived control and the optimistic bias: A meta-analytic review. Psychology & Health, 17(4), 437–446. https://doi.org/10.1080/0887044022000004920
- McKenna, F. P., & Myers, L. B. (1997). Illusory self-assessments—Can they be reduced? British Journal of Psychology, 88(1), 39–51. https://doi.org/10.1111/j.2044-8295.1997.tb02619.x
- Weinstein, N. D. (1980). Unrealistic optimism about future life events. Journal of Personality and Social Psychology, 39(5), 806–820. https://doi.org/10.1037/0022-3514.39.5.806
- Weinstein, N. D. (1987). Unrealistic optimism about susceptibility to health problems: Conclusions from a community-wide sample. Journal of Behavioral Medicine, 10(5), 481–500. https://doi.org/10.1007/BF00846146
- Weinstein, N. D., & Klein, W. M. (1995). Resistance of personal risk perceptions to debiasing interventions. Health Psychology, 14(2), 132–140. https://doi.org/10.1037/0278-6133.14.2.132
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