Verzerrung (bias)

Bestätigungsverzerrung

confirmation bias

Bei der Bestätigungsverzerrung neigen Menschen dazu, Belege so zu suchen und zu lesen, dass die eigene Überzeugung bestätigt wird. Was dafür spricht, bewerten sie günstiger als das, was dagegen spricht.

Steckbrief

  • Englischer Begriff confirmation bias
  • Art Denkfehler
  • Häufigkeit im Alltag häufig

Fünf Beispiele auf dieser Seite

Definition

Was ist eine Bestätigungsverzerrung?

Bestätigungsverzerrung (confirmation bias) beschreibt die Neigung, Belege zugunsten einer bestehenden Überzeugung, Erwartung oder Annahme zu suchen und zu deuten. Sie zeigt sich dabei an zwei Stellen: beim Suchen der Belege und beim Bewerten ihrer Qualität.

In einer Diagnoseaufgabe suchten 13 Prozent der Psychiater und 25 Prozent der Medizinstudierenden vor allem Informationen, die ihre vorläufige Diagnose stützten.

Die Meinung steht zuerst. Die Belege folgen ihr.

Typische Gedanken

  • „Das bestätigt meine Einschätzung.“
  • „Diese Untersuchung ist schlecht gemacht.“
  • „Mehr brauche ich nicht zu wissen.“

Solche Gedanken können eine Prüfung durch ein Urteil ersetzen.

Beispiele

Fünf Beispiele für die Bestätigungsverzerrung

Je ein Beispiel aus Arbeit, Familie, Gesundheit, Finanzen und Gesellschaft. Jedes Beispiel zeigt erst die Situation, dann die Verzerrung und zum Schluss das Lösungsverhalten.

Arbeit

Die Zahlen zum Homeoffice

Situation

Eine Bereichsleiterin ist sich sicher, dass Homeoffice die Leistung ihres Teams senkt. Der Monatsbericht zeigt allerdings gemischte Zahlen.

Verzerrung

Die gesunkene Zahl erledigter Tickets zitiert sie in der Runde. Die gestiegene Kundenzufriedenheit tut sie als Laune der Umfrage ab.

Lösungsverhalten

Sie legt vor dem nächsten Bericht fest, welche zwei Kennzahlen ihre Annahme stützen und welche sie widerlegen würden.

Typischer Gedanke: „Die Tickets sprechen für sich.“

Familie

Der Streit im Kinderzimmer

Situation

Für einen Vater ist sein jüngerer Sohn der Unruhestifter der Familie. Eines Abends streiten die Geschwister lautstark hinter der Kinderzimmertür.

Verzerrung

Er stellt zuerst den Sohn zur Rede. Die Schilderung der älteren Schwester übernimmt er ungeprüft, weil sie zu seiner Erwartung passt.

Lösungsverhalten

Er bittet beide Kinder, getrennt den Ablauf zu schildern, und will von jedem wissen, wer zuerst was getan hat.

Typischer Gedanke: „Bestimmt hat er wieder angefangen.“

Gesundheit

Die erste Vermutung in der Ambulanz

Situation

Eine Ärztin in einer psychiatrischen Ambulanz hat nach zehn Minuten eine Verdachtsdiagnose. Nun befragt sie den Patienten weiter zu seinen Beschwerden.

Verzerrung

Sie fragt vor allem nach Symptomen, die ihre Vermutung stützen. Was der Patient nebenbei erwähnt und nicht dazupasst, geht unter.

Lösungsverhalten

Sie erkundigt sich gezielt nach Beschwerden, die zu einer zweiten möglichen Diagnose passen würden, und vergleicht beide Bilder.

Typischer Gedanke: „Das passt alles zu meiner Vermutung.“

Finanzen

Der Gebrauchtwagen vom Händler

Situation

Eine Käuferin hält eine bestimmte Automarke seit Jahren für unzuverlässig. Auf dem Hof eines Händlers steht ausgerechnet ein gepflegtes Modell dieser Marke.

Verzerrung

Ein Klappern beim Schließen der Tür bezeichnet sie als typisch. Das lückenlose Scheckheft deutet sie sogar als Zeichen für viele Reparaturen.

Lösungsverhalten

Sie lässt den Wagen zunächst bei einer unabhängigen Prüfstelle untersuchen und entscheidet erst mit dem Prüfbericht in der Hand.

Typischer Gedanke: „Typisch für diese Marke.“

Gesellschaft

Die Reporterin und die Brückensperrung

Situation

Eine Lokalreporterin ist überzeugt, dass die Brückensperrung den Verkehr in der Altstadt verdoppelt hat. Sie befragt Anwohner.

Verzerrung

Sie fragt gezielt die Anwohner der Durchgangsstraße und zitiert ihre Klagen. Die ruhigen Seitenstraßen besucht sie nicht.

Lösungsverhalten

Sie holt die Daten der Zählstellen für die Straßen rund um die Brücke vor und nach der Sperrung ein und vergleicht sie.

Typischer Gedanke: „Die Klagen sprechen für sich.“

Hintergründe

Erklärung und Hintergründe der Bestätigungsverzerrung

Drei Vorgänge spielen eine Rolle: Prüfen, Bewerten und Sicherheit nach dem Urteil. Drei Punkte erklären, wie sie entsteht.

Prüfen mit passenden Fällen

Passende Fälle zu prüfen, kann unter realistischen Bedingungen eine gute Strategie sein. Wo nur ein Gegenfall weiterhilft, kann sie scheitern: In Wasons Aufgabe zogen neun von 29 Teilnehmern mehrfach falsche Schlüsse.

Überzeugung als Maßstab

Die bestehende Überzeugung lenkt die Bewertung eines Belegs. Wer eine Überzeugung zu COVID-19 hatte, bewertete passende Studien günstiger als widersprechende; der Effekt zeigte sich in beiden Untersuchungen deutlich.

Sicherheit nach dem Urteil

Nach einem sicheren Urteil verarbeitet das Gehirn neue Hinweise ungleich. In einer Untersuchung mit einfachen Wahrnehmungsurteilen nahm es bestätigende Hinweise verstärkt auf und widerlegende kaum noch.

Vom Erkennen zum Handeln

In zwei Untersuchungen bewerteten Teilnehmende Studien zu ihrer Überzeugung verzerrt; nur eine von zwei geprüften Anleitungen verringerte diese Verzerrung.

Deshalb folgt jetzt gezieltes Verhalten.

Lösungsverhalten

Wie überwinde ich eine Bestätigungsverzerrung?

Die drei Strategien folgen dem Ablauf einer Prüfung: vor der Suche, während der Suche und bei der Bewertung der Belege.

Anzeichen

Daran erkennen Sie die Verzerrung

  • Sie rufen zuerst die Quellen auf, die Ihre Sicht stützen.
  • Sie bewerten einen Gegenbeleg schwächer als einen Fund, der Ihnen recht gibt.
  • Sie sagen nach gemischten Belegen, Sie seien sich nun sicherer.

Solche Gedanken sind nachvollziehbar. Wer sie bei sich bemerkt, greift zur passenden der drei Strategien.

Vor der Suche

Hinweis an sich selbst

Rufen Sie sich vor der Suche in einem Satz in Erinnerung, dass Sie passende Belege bevorzugen.

  1. Schreiben Sie in einem Satz, wovon Sie ausgehen.
  2. Sagen Sie sich: Ich bevorzuge, was mir recht gibt.
  3. Nennen Sie den Fall, der Sie umstimmen würde.

„Welche Überzeugung bringe ich schon mit?“

Während der Suche

Gegenfall suchen

Suchen Sie gezielt nach dem Fall, der Ihre Annahme widerlegen würde, und sammeln Sie ihn neben den passenden Belegen.

  1. Suchen Sie den Gegenfall, den Sie genannt haben.
  2. Sammeln Sie jeden Treffer, auch die unbequemen.
  3. Legen Sie Gegenfall und passende Belege nebeneinander.

„Kenne ich den stärksten Gegenbeleg?“

Bei der Bewertung

Gegenteil betrachten

Fragen Sie sich bei jedem Beleg, ob Sie ihn genauso beurteilen würden, wenn er das Gegenteil zeigte.

  1. Lesen Sie den Beleg bis zum Ende.
  2. Stellen Sie sich denselben Beleg mit umgekehrtem Ergebnis vor.
  3. Behalten Sie nur das Urteil, das in beiden Fällen bleibt.

„Würde ich das auch gelten lassen, wenn es mir widerspräche?“

Kurzprüfung: Bestätigungsverzerrung

Drei Fragen, die Sie in einer Minute beantworten können.

  • Welche Überzeugung bringe ich mit?
  • Habe ich nach dem Gegenbeleg gesucht?
  • Bewerte ich Gegenbelege gleich streng?

Weiterlesen

Verzerrungen im Detail erklärt

Leseliste: Bestätigungsverzerrung

  • Greitemeyer, T. (2023). Counter explanation and consider the opposite: Do corrective strategies reduce biased assimilation and attitude polarization in the context of the COVID-19 pandemic? Journal of Applied Social Psychology, 53(8), 785–795. https://doi.org/10.1111/jasp.12968
  • Klayman, J., & Ha, Y.-W. (1987). Confirmation, disconfirmation, and information in hypothesis testing. Psychological Review, 94(2), 211–228. https://doi.org/10.1037/0033-295X.94.2.211
  • Mendel, R., Traut-Mattausch, E., Jonas, E., Leucht, S., Kane, J. M., Maino, K., Kissling, W., & Hamann, J. (2011). Confirmation bias: Why psychiatrists stick to wrong preliminary diagnoses. Psychological Medicine, 41(12), 2651–2659. https://doi.org/10.1017/S0033291711000808
  • Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220. https://doi.org/10.1037/1089-2680.2.2.175
  • Rollwage, M., Loosen, A., Hauser, T. U., Moran, R., Dolan, R. J., & Fleming, S. M. (2020). Confidence drives a neural confirmation bias. Nature Communications, 11, 2634. https://doi.org/10.1038/s41467-020-16278-6
  • Wason, P. C. (1960). On the failure to eliminate hypotheses in a conceptual task. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 12(3), 129–140. https://doi.org/10.1080/17470216008416717

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